Das graue Mädchen 4 minuty čtení

Ein Mädchen mit grauen Haaren saß in der ersten Bank angespannt wie eine Geigensaite. Sie saß still da wie der Tod – genau so hatten sie sie dann später benannt. Vielleicht war es das, was unser Ende bestimmt hat.

Eine Sache über mich – ich hasse Geheimnisse. Falls euch das etwas ausmacht – bitte. Dann müsst ihr die Geschichte über das graue Mädchen – Audrey – nicht kennen. Aber ich sage – ihr solltet sie kennen…

Damit ihr es wisst – noch kannte ich Audrey nicht. Nur ihre Haare raubten mir den Atem. So angespannt war sie nicht umsonst. Sie musste hier neu sein. Als der Professor in die Klasse kam, versteifte sie sich nur noch mehr.

Aus Neugier kam ich näher an sie heran. Sie hatte einen gläsernen Ausdruck in den Augen und wirkte müde, aber doch irgendwie voller Leben. In ihren rabenschwarzen Augen mischte sich zwar Entschluss, aber auch Wahnsinn. Fleißig schrieb sie die Stichpunkte von der Tafel ab und gab keinen einzigen Laut von sich. Ihre grauen Haare fielen ihr langsam über die Schultern bis zum Rücken hinunter. Sie bewegten sich genau im Takt des kritzelnden Stiftes auf dem Papier, das vor ihr lag.

Sagen wir mal, die Realität interessierte das Mädchen nicht. Sie sah aus, als ob sie in ihrem Kopf mit Jemandem ein Gespräch führen würde. Eigentlich hörte ich es fast.  In Kunstgeschichte habe ich mich neben sie hingesetzt und spähte ihr über die Schulter. Auf dem hauchdünnen Papier zeichnete sich eine Figur mit grauen Haaren ab. Ich dachte, es wäre sie. Aber das Bild war nicht nur grau. Es war auch feuerrot. Ihre Haare sahen aus, als ob sie am Ende Feuer fangen würden. Ich dachte, es wäre nur eine weitere von ihren verrückten Ideen. Ihr wisst nicht, welche Ideen?  Im Seminar des kreativen Schreibens hatten sie die Aufgabe bekommen, eine Geschichte zu schreiben, damit die Lehrerin das Niveau ihrer Klasse abschätzen konnte. Unser graues Mädchen schrieb eine perfekte Geschichte über das Leben eines Menschen, der süchtig auf dem Stalkern war. Und sie probierte es. Ich weiß es. Warum?

Sie hatte eine Gabe. Vielleicht war es eher ein Fluch. Sie hatte eine Stimme, aber nicht, wie alle anderen. Außer, dass sie eine Stimme zum Sprechen besaß, hatte sie auch eine Stimme im Kopf. Eigentlich war sie schizophren. Aber nicht gewöhnlich schizophren, weil sie ihrer Stimme nicht unterfiel. Es war, als wäre sie zwei Personen auf einmal. Abgesehen davon, dass Zoella – so habe ich die zweite genannt – wilder und noch wahnsinniger als sie war. Sie kannte keine Grenzen. Und als solche habe ich sie gern.

Ich stiftete Zoella die verrückte Idee mit den Haaren ein. Ich bin nun mal grausam. Wisst ihr, Audrey war am Anfang nicht Zoella ergeben. Aber mit der Zeit traute sie ihr mehr und mehr und es war nicht schwer, das graue Mädchen zu überzeugen. Es war sogar so leicht, dass ich fast dachte, diese Idee sei die letzte.

Ein kleiner Rat. Unexistierenden Figuren sollte man nicht Namen geben. Es bringt Pech.

Diese Schule war so unglaublich ignorant. Vermutlich war es nie schlimmer gewesen. Als sie in die Schule kam, mit Haaren, die so aussahen, als ob sie am Ende Feuer fangen würden, bemerkte es niemand. Nicht, dass es ihr irgendwas ausmachte. Dies war nur der Anfang.

Ich schwöre auf Gott – und er ist mir nicht ganz fremd – dass das hier nicht meine Idee war. Auf den Titel des Artikels, das nur ein paar Stunden darauf erschienen war, starrte ich genauso ungläubig, wie die anderen. „Das Gebäude eines berühmten Interieurs im Herzen von Irland ist runtergebrannt, zusammen mit einem Mädchen, das sich ihre Haare anzündete.

Sie wollte Zoella sein. Sie wollte jemand anderes sein. Sie wollte ihre Vorstellung vom Blatt in die Realität umwandeln. Und Farbe reichte nicht.

Also nahm ich sie zu mir auf. Wisst ihr jetzt, wer ich bin?

Das Letzte, was ich über mich verrate: einmal werdet ihr mich kennenlernen. Es gibt nichts Gutes oder Schlechtes. Ich bin ich. Jeder kann sagen, was er will. Ich weiß alles, ich beobachte euch, bin aber doch kein Stalker. Ich nehme euch auf, wenn euch Niemand mehr haben will. Ich habe keine Wahl, also müsst ihr euch jetzt nicht wichtig fühlen…

 

Übersetzung aus dem tschechischen ins deutsche: Barbora Kapustová

Original: Klára Soukalová

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